Beitrag von Peter Lotz, M.C.J. (NYU) Rechtsanwalt, Attorney-At-Law (N.Y.) MAYRFELD LLP

Legal Tech wird die Beratung wirkungsvoller, persönlicher und werthaltiger machen.

Die Medien sind voller Visionen, Kommentare und Gedanken zu Legal Tech, seinen Fortschritten, Anwendungen, Vorteilen und disruptiven Wirkungen. Die Legal (R)Evolution Conference in Frankfurt bot eine weitere – wenn auch eine der ersten in Deutschland – Möglichkeit, die Herausforderungen, Vorteile und Möglichkeiten im Rahmen der Implementierung und Entwicklung von Legal Tech zu erfahren und zu diskutieren.

In der Tat schienen einige der gebotenen Informationen irritierend, wie z. B. ein Hinweis, dass gegenwärtig nur 35% der deutschen Top 250 Kanzleien (ausgenommen der deutschen Büros internationaler Kanzleien) ein elektronisches Dokumentenmanagement vorhalten würden. Eine solche Information hinterlässt einen Eindruck – und uns in guter Form, da MAYRFELD seit dem ersten Tag ein Dokumentenmanagement-System einschließlich entsprechender Kollaborationsplattform implementiert hat.

Von diesem Bonmot abgesehen lässt sich natürlich ein ganz klarer Wunsch zur Perfektionierung der IT und der IT-Prozessierung erkennen: ganz gleich, ob wir an Dokumenten-Management, Werkzeugen zur Dokumentenerstellung, Kanzleimanagement, “predictive AI”, oder KI-Systeme zur Dokumentenprüfung oder zur Fallanalyse denken, unterm Strich geht es um die Möglichkeit zur Verarbeitung von Informationen in ungeheurem Volumen. Das hat große Auswirkungen auf die Branche. Aber wohin werden sie führen?

Es scheint, dass die fortschreitende Entwicklung von Legal Tech dazu verleitet, rechtliche Beratung auf die Produktion oder Prüfung von (juristischer) Dokumentation zu reduzieren. Gegenwärtig basiert künstliche Intelligenz zu einem großen Teil auf dem Vergleich von vorhandenen Informationen (Dokumentation). KI kann Information auch in schriftlich ausgeben. Und da Anwälte in einer Welt des geschriebenen Wortes leben, scheint es nur ein kleiner Schritt zu sein, Maschinen mit Juristen zu vergleichen und deren Ersetzbarkeit durch Roboter vorherzusagen. Dort, wo die Persönlichkeit und Originalität des Rechtsrats durch eine starre Fokussierung auf die Produktion von Geschriebenem in den Hintergrund tritt, werden schnell Begehrlichkeiten zum Outsourcen von Rechtsdienstleistungen an Dritte geweckt, die freilich wiederum eine Maschine sein können. Die Entwicklung von Robo-Lawyern ist längst kein Science-Fiction mehr:

Ferner scheint die Diskussion über Legal Tech einen gesteigerten Drang nach Standardisierung hervorzurufen – obgleich wir doch jeden Morgen im Coffee-Shop um die Ecke die mannigfalten Möglichkeiten zur Individualisierung eines recht gewöhnlichen Produkts in Form eines Latte Macchiato zu schätzen wissen.

In den Sozialen Medien fand sich zuletzt der Hinweis auf eine etwas andere Herangehensweise an Legal Tech: die Idee vom Supercharged Lawyer:

Wenngleich die Idee zu konservativ erscheint, um vom technisch versierten “Legal Engineer” in Betracht gezogen zu werden, sehen wir ein großes Potential für eine neo-konservative Herangehensweise zur professionellen Rechtsberatung in der Zukunft. Kurz, wir sind davon überzeugt:

Legal Tech wird Rechtsdienstleistungen persönlicher machen.

Als wir das Motto “Wirkungsvoller. Persönlicher. Werthaltiger” im Zusammenhang mit unserer Beratung im Unternehmensrecht entwickelten, konnten wir nicht voraussehen, dass es dergestalt für die Auswirkungen des sich entwickelnden Legal Tech zutreffen würde. Zugegebenermaßen werden zunehmend Legal Tech-Anwendungen zur standardisierten Fall-Bearbeitung außerhalb des Beratungsangebots von Wirtschaftskanzleien entwickelt (wie z. B. Flightright). Auch mit einem Blick auf die in der Finanzindustrie zunehmenden Anforderungen nach Dokumentation im Einklang mit London Market Standards kann man die Nachfrage nach standardisierter Dokumentation nicht verleugnen. Jedoch gibt es – noch immer – Bedarf für die Beratung abseits der standardisierten Pfade. Und wir meinen mit Standardisierung nicht die Anpassung von Formularen an die individuellen betrieblichen Anforderungen. Nicht zuletzt wird Berufsanfängern zu mehr Kreativität angeraten im Lichte des stetig wachsenden Wettbewerbs. So, wohin des Wegs, streben doch Standardisierung und Kreativität, künstliche Intelligenz und analoges “Anwalten” in entgegengesetzte Richtungen? Starten wir einen Erklärungsversuch auf Basis altmodischer Erfahrung.

Unsere Anwälte schätzen sich glücklich, dass sie sowohl General Counsel von Fortune 500 Unternehmen als auch Manager von KMU sowohl grenzüberschreitend als auch im Inland in Angelegenheiten beraten durften, die für ihre Unternehmen von Bedeutung waren. Wir denken deshalb, eine Basis zur eigenen Evaluierung der disruptiven Auswirkungen im Rechtsmarkt zu haben und wir sehen hier eine große Chance. Legal Tech wird rechtliche Beratung wirkungsvoller, persönlicher und werthaltiger machen. Abgesehen von der “Beinarbeit”, die jedem Projekt und jeder Transaktion immanent ist, können wir uns an kein Projekt erinnern, in dem wir nicht zur strategischen Analyse und Beratung, Bewertung von Geschäftsmodellen im Lichte regulatorischer Anforderungen, Kommunikation und Verhandlung von Mandanteninteressen, Einschätzung von Risiken und – vor allem – zur Entwicklung von Alternativen unter Einhaltung der mandantenseitigen Unternehmensziele im gegebenen Rechtsrahmen gehalten waren. Diese Tätigkeiten finden regelmäßig Einklang in die zu erstellende Dokumentation, in Regelungen, die von Maschinen verglichen werden können, und die wir ggf. zuvor schon einmal in der ein oder anderen Form verwendet haben. – Jedoch verbleiben sie stets einmalig für die jeweilige Transaktion, da die mit dieser Transaktion verknüpften Interessen jedesmal einzigartig sind. Der Coffee-Shop um die Ecke zeigt uns, dass auch simple Transaktionen höchst individuelle Aspekte aufweisen können.

Die Arbeit, die notwendig ist, bis eine Transaktion oder ein Projekt in vertragliche Regelungen gegossen werden können, kann zeitraubend sein. Juristen müssen Fakten sammeln, recherchieren, analysieren und vergleichen. Sie verarbeiten Informationen. Jedoch ist das genau, für was Legal Tech am besten geeignet ist: Das Sammeln, Sortieren und Konsolidieren von Informationen. Wir denken, dass in diesen Punkten Legal Tech dem Anwalt künftig mehr Raum lässt. Unserer Auffassung nach ist der Kern guten Rechtsrats sehr persönlicher Natur: Es bedarf der Expertise, der Erfahrung, der strategischen und grundsoliden rechtlichen Beratung auf der einen Seite, aber vor allem differenzierten Kommunikations- und Verhandlungsgeschicks, um Mandanteninteressen in solide und vollstreckbare vertragliche Regelungen zu gießen. Hier erlaubt uns Legal Tech mehr Raum zur persönlichen und individuellen Beratung, da es uns ermöglicht, den für “Beinarbeit” (sei es Dokumentenprüfung oder Fall-Analyse) notwendigen Aufwand wesentlich effizienter zu gestalten und uns somit im wesentlichen auf den Kern der rechtlichen bzw. anwaltlichen Beratung zu konzentrieren. Darüber hinaus wird Legal Tech kleineren Kanzleien einen wettbewerblichen Vortel gegenüber Big Law verschaffen, da zukünftig Expertise wichtiger als Headcount sein wird.

Legal Tech wird Rechtsdienstleistungen werthaltiger machen. Rechnergestützte Analyse wird die Grundlage für stärker personalisierte und indivualisierte Beratung bieten. Dieser Mix aus technologischem und anwaltlichem Fortschritt wird Rechtsberatung noch hochwertiger machen und im Ergebnis zu einem stärker differenzierten Beratungsprodukt führen. Unseres Erachtens wird sich das selbst für standardisierte Verträge bewahrheiten, die in einer Vielzahlt von Fällen abgeschlossen werden: Je höher der Nutzungsgrad eines Standardvertrags, desto wichtiger ist dessen rechtliche Ausgestaltung. Wäre es im Hinblick auf das Risiko perspektivisch wirklich ein Geschäftsmodell, in diesen Fällen eine Dokumentation zu verwenden, die die Eigenheiten des jeweiligen Geschäfts(betriebs) nicht vollständig abbildet?

Zugegebenermaßen haben wir nicht ausreichend Erfahrung, Mandanten-Expektanzen in der Verbraucherberatung zu antizipieren, da dies außerhalb unseres Beratungsangebots liegt. Jedoch haben wir den Eindruck gewonnen, dass anspruchsvolle Corporate Counsel den analytischen – anwaltlichen – Input des externen Beraters durchaus wertschätzen. Und wir denken, dieser wird in der nahen Zukunft nicht durch künstliche Intelligenz ersetzt werden können. Jedoch wird uns Legal Tech ermöglichen, die Wirkung und die Werthaltigkeit unserer Beratungsleistungen zu steigern.

Wir denken, dass sich trotz steigender Dynamik und komplexeren Geschäftsmodellen die Notwendigkeit der Größe einer Kanzlei zukünftig relativiert. Wir sehen den durch den Fortschritt des Legal Tech eröffneten Möglichkeiten auf eine persönlichere und werthaltigere Beratung durch einen “Supercharged Lawyer” mit großer Erwartung entgegen.

Dieser Artikel enthält lediglich allgemeine Erwägungen zum beschriebenen Thema und stellt weder Rechtsberatung noch ein Angebot auf Erbringung von rechtlicher oder anderer Beratung dar. Durch das Besuchen dieser Webseite wird kein Mandatsverhältnis begründet. Die Bezeichnung “MAYRFELD” bezieht sich stets auf die MAYRFELD LLP. Die Bezeichnung “Partner” bezieht sich stets auf die Gesellschafter (members) der MAYRFELD LLP. Die  Haftung für diesen Artikel oder dessen Inhalts sämtlicher für MAYRFELD handelnden Personen, ganz gleich ob als Member, Partner, Gesellschafter, Angestellter oder Berater ist ausgeschlossen. Dieser Artikel dient lediglich der Information über bestimmte Rechtsentwicklungen. Er enthält keine vollständige Analyse der jeweiligen Rechtslage und stellt keine rechtlich verbindliche Stellungnahme der MAYRFELD LLP zur Rechtslage dar. Die Beantwortung von Fragen zur Rechtslage kann nur im Rahmen eines konkreten Mandatsverhältnisses erfolgen.

Weitere Informationen über MAYRFELD erhalten Sie unter www.mayrfeld.com.

Über den Autor Peter Lotz, M.C.J. (NYU) Rechtsanwalt, Attorney-At-Law (N.Y.) MAYRFELD LLP
Peter Lotz ist Partner der MAYRFELD LLP. Er berät seit fast 20 Jahren sowohl Fortune 500 als auch mittelständische Unternehmen aus dem In- und Ausland insbesondere im Zusammenhang mit der grenzüberschreitenden Entwicklung, Akquisition, Lizenzierung und Kommerzialisierung von neuartigen Technologien.
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